Fragen über Fragen...









 

 

 

DE:

Fangen wir mal harmlos an: Du vergleichst Dich mit Till Eulenspiegel, was bedeutet das für Deine Arbeit?

 

JFE:

So vermessen bin ich nicht, dass ich mich auf die gleiche Stufe stelle, wie Till Eulenspiegel. Aber ich habe halt Ähnlichkeiten entdeckt. Die verblüffen mich selbst. Er hält anderen immer den Spiegel vor. Das mache ich eigentlich auch. Und wie er nehme ich die Dinge wörtlich und zeige den anderen, wie sie sind. Und die reagieren auch immer darauf.

 

DE:

Wie kam’s dazu?

 

JFE:

Das ist eigentlich eine schräge Geschichte: meiner Mutter zuliebe bin ich zur Bundeswehr gegangen, weil mein Bruder schon verweigert hatte und dafür sogar im Gefängnis saß. Also habe ich das gegen meine innere Überzeugung gemacht. Und da gab es einen, der uns erklärt hat, was Stillstehen und Wegtreten bedeutet. Zum Wegtreten meinte er, da könnten wir dann weglaufen. Das habe ich wörtlich genommen und bin einfach weggelaufen, in meinem Laufschritt. Ich habe zwar noch von weitem gehört, dass ich zurückgerufen wurde, aber ich habe einfach gemacht, was man mir gesagt hat. Bin gelaufen. Das war wunderbar, da hatte ich dann meine Ruhe, es war wie eine Meditation. Ich bin ziemlich lange gelaufen und hab‘ die ganze Zeit gelacht und gedacht: Du Depp, schrei Du nur. Nach ein paar Stunden bin ich dann wieder zurück.

 

DE:

Hier wird’s dann schon weniger harmlos. Dieses Wörtlich-nehmen verstehen die meisten als Angriff. Das ruft Gegenwehr auf den Plan. Klingt alles eher kriegerisch als künstlerisch.

 

JFE:

Ja, leider. Dabei bin ich eigentlich eher Pazifist. Wie Eulenspiegel. Und die Reaktionen sind teilweise ziemlich hart. Aber im Lauf der Zeit habe ich mir ein dickes Fell wachsen lassen. Auf der anderen Seite ist es genau das, was die Sache schon wieder spannend macht. Von den Reaktionen sehe ich mich bestätigt, auch wenn sie mich manchmal traurig machen. Aber wirklich verletzen oder aufregen kann man mich mit den Schimpfkanonaden und Anfeindungen nicht.

 

DE:

Zum Beispiel die Attacken wegen der „Ärsche“?

 

JFE:

Ja genau. Schade, dass sich das oft darauf reduziert. Da gibt es Sätze wie: „Der steht bloß auf dicke Frauen“ oder „der kann nur nackte Hintern malen“ oder „das kann nur ein Schwuler sein“ oder ein „Po-Fetischist“. Was ist das alles für Quatsch? Ich verstehe gar nicht, welche Rolle das spielt. Ich male Bilder, ganz verschiedene. Auch Aktbilder. Und wenn die als schamlos bezeichnet werden, freu‘ ich mich. Wörtlich heißt das ja, sie sind Scham-los, also ohne Scham, frei von Scham.

 

DE:

Das bedeutet also für Dich Nacktheit?

 

JFE:

Genau. Nacktheit ist doch etwas Wahrhaftiges. Was ist daran verachtenswert? Ich male ja lebende Modelle, nicht „nackte Weiber aus dem Playboy ab“, wie mir das mal einer vorgeworfen hat. Jemand nackt malen zu dürfen, das ist etwas ganz Besonderes. Da üben beide, ohne Scham zu sein. Das Akt-Modell kann sich nicht verstecken hinter Kleidung. Da wird alles plötzlich ganz präsent, ganz ehrlich. Nacktheit bedeutet: kein Styling, keine Verkleidung, Ehrlichkeit, mutige Blöße, Verletzlichkeit, Ausgeliefertsein – das sind einfach die tiefen Themen des Lebens. Und deswegen meine Bildthemen.

 

DE:

Die Narren sind ja dann eigentlich das Gegenstück dazu, die sind ja bewusst verkleidet.

 

JFE:

Ja, diese ganzen Widersprüche lebe ich selbst. Und in der Fasnet zeigt sich ganz stark das Widersprüchliche: die Verbindung von Lust und Religion. Toll.

Ist doch auch normal, so ist doch das ganze Leben: Nackt und ehrlich, versteckt im Häs als zweiter Haut, gläubig und pietätlos, Blutreiter und Blutritt-Kritiker, Pazifist und Boxer. Wieso soll man nicht alles hinterfragen? Wenn wir nicht fragen dürfen, dann wird’s gefährlich.

 

DE:

Wovor fürchten sich die Leute eigentlich? Vor der Kontroverse? Gut, dass sie jemand anfacht. Schade, dass sie immer so schnell verebbt. Eine lebendige Gesellschaft sollte sich viel mehr mit ihren Traditionen auseinandersetzen, sonst werden die starr. Apropos Blutreiter, von dieser Seite kommen ja die meisten Angriffe.

 

JFE:

Mit meinen Blutreiter-Bildern mache ich auch nichts anderes als immer: den Spiegel vorhalten. Es ist wie ein Selbstläufer. Die Menschen reagieren unmittelbar, sofort kommt das zum Vorschein, was ich anprangere: Doppelmoral. Wo endet die Freiheit der Meinung. Ich denke immer, jeder darf seine Meinung äußern, ich respektiere das – aber Doppelmoral kann ich nicht schätzen. Wenn einer meine Bilder nicht mag, dann ist das okay. Auch die Anfeindungen sind okay – eher sogar spannend. Was aber nicht in Ordnung ist, ist wenn es persönlich wird – was ich alleine ja noch aushalten kann, aber wenn man meine Familie mit hinein zieht, dann ist das nicht richtig. Und wenn es unter die Gürtellinie geht. Natürlich will ich provozieren. Aber verletzen will ich nicht. Also sollten andere mich auch nicht verletzen wollen. Aber das läuft meistens genau darauf hinaus.

 

DE:

Die Leute fürchten halt, dass Du Schindluder mit den christlichen Werten treibst.

 

JFE:

Ich finde eher, dass es Blutreiter gibt, die Schindluder treiben mit dem Blut Christi. Natürlich will ich ja nichts verallgemeinern.
Aber grundsätzlich: Wenn es wirklich das Blut Christi wäre, dann müssten doch alle bei der Prozession mit reiten dürfen, auch die Frauen. Und was hat der Blutritt eigentlich mit christlichen Werten zu tun?

 

DE:

Du bist doch selber schon mitgeritten…

 

JFE:

… darf ich das deswegen nicht hinterfragen? Viele meinen, sie hätten Ahnung vom katholischen Brauchtum, aber sie wissen nicht wirklich, in was für einer Tradition sie sich bewegen. Gucken wir mal genau hin: Bei der Prozession durften nur Ritter mitreiten. Adelige! Keine einfachen Bürger, keine Bauern, keine Frauen. Wenn man sich also auf die Tradition berufen will, dann darf heute fast keiner mehr mitreiten.
Noch vor gar nicht so langer Zeit hat man die Prozession vorübergehend ohne Pferde gemacht - - dafür mit Frauen, zu Fuß halt. Als Pferde wieder dabei waren, sind viele einfach verkleidet mitgeritten, aber das wurde dann immer heftiger kontrolliert. Ich selbst finde ja, dass Frauen mitreiten sollen, einfach weil sie schöner sind.

Ich wundere mich über diese Scheuklappen. Natürlich betrifft das nicht alle. Ich habe viele tolle Gespräche mit Blutreitern geführt. Aber die Anderen lassen mich nicht mal Fragen stellen. Wenn ich nur das mache, wirft man mir Geschmacklosigkeit vor. Wer bestimmt eigentlich, was geschmacklos ist?

 

DE:

Da fällt mit ein: Es gibt Urvölker, die trinken das Blut ihrer Feinde, um deren Kraft zu bekommen. Das finde ich irgendwie geschmacklos.

 

JFE:

Und in der Kirche wird das Blut Christi als Wein präsentiert, der Leib Christi als Oblate. Die nehmen ihre Symbole übrigens noch viel wörtlicher als ich das mit meinen Bildern mache (lacht).

Die Katholiken tragen hoch zu Ross das Blut des Erlösers durch die Straßen. Das aber dürfen nur Männer. Herren. Hätte Jesus das gewollt? Jesus kam übrigens nie auf einem Pferd daher, er hat den Esel gewählt. Da hat er sich doch was bei gedacht.

Manche Blutreiter stellen dafür sogar ihre Pferde mit Spritzen ruhig. Und wieder: hätte Jesus das gewollt? Ist das geschmackvoll? Wenn es um das Christentum geht, gibt es viele, die sich herausnehmen zu beurteilen, wer der bessere Christ ist. Ein Blutreiter hat mal gesagt: "Evangelische sind wie Neger, einfach anders." Ist das christliche Denke?
Und was kann man mit dem Heiligblut alles machen: Wallfahrt bedeutet immer auch Geld. Darf man das mit so einem heiligen Thema machen?

Ständig kommen mir Fragen, das muss anderen doch eigentlich genauso gehen. Ich male halt dann die Fragen.

 

DE:

Das machst Du auch seit einiger Zeit mit Deinen christlichen Bildmotiven, die Du vorsichtig die „Anderen“ nennst. Also die, die anders sind, als alle Deine übrigen Themen. Was sind Deine Fragen?

 

JFE:

Was treibt einen Gott dazu, seinen Sohn zu Opfern? Kreuzigen. Das soll die Er-Lösung sein? Wollte er das wirklich? Wurde das erst später gesagt, als Rechtfertigung für die Kreuzigung. Kreuzigung – Sünden erlassen. Glaube ich an die Schuld-Vergebung? Wer im Bewusstsein sündigt, kann dem vergeben werden? Was ist Glaube, was Irrglaube?

Dann kommt mir schon wieder ein Gedanke, der vermutlich wenigen gefällt: Christus ist doch ein Narr, dass er sein eigenes Kreuz trägt. Nimmt er das an? Oder geht es eigentlich um eine ganz andere Botschaft: Liebe…?

Meine Gedanken dazu habe ich auch in Bilder verpackt, aber die wollte ich lange nicht zeigen. Irgendwie habe ich mich da noch am verletzlichsten gefühlt.

 

DE:

Einige dieser Fragen tauchen ja auch schon in den anderen Bildmotiven auf, so vor allem ja bei den Blutreiter-Bildern.

 

JFE:

Ja, aber anders, weniger persönlich. Meine Bilder zu Jesus Christus gehen um den Glauben, also etwas ganz Inniges. Die anderen gehen mehr um die Rituale. Und schon da werde ich immer wieder persönlich angegriffen. Dass meine Bilder eine „laienhafte Pinselei“ wären, solche Angriffe kann ich gut verschmerzen. Da geht’s doch gar nicht um meine Malerei, sondern um was ganz anderes. Man will mich einfach beschimpfen.

Aber dass meine Familie mit reingezogen wird, das kann ich einfach nicht verstehen. Da ging es sogar mal um Ansteckungsgefahr! Ein Großvater wollte verbieten, dass meine Kinder mit anderen spielen und „DAS“ weitergeben könnten. Ist das christlich?

Da lobe ich mir doch die freudliche Dame, von der ich weiß, dass sie sich mit meinen Bildern schwer tut. Aber sie betet statt dessen einen Rosenkranz für mich. Das ist doch einfach schön, oder?

 

DE:

Wer so mit der Wahrheit ringt, für den liegt es nahe, in den Ring zu steigen? Oder wie passt das alles nun auch noch mit dem Boxen zusammen?

 

JFE:

Keine Ahnung. Boxen hat mich schon als Kind fasziniert, da bin ich nachts aufgestanden, um die Boxkämpfe mit Muhammed Ali zu sehen. Als ich selber damit angefangen habe, war ich fast schon ein bisschen abgestürzt. Und dann habe ich das kennen gelernt, was alles dazu gehört: Disziplin, Regeln, Kontrolle, Verlässlichkeit, Aufmerksamkeit, Respekt. So ein Training ist eine ziemlich gute Erziehung.

 

Der Umgang mit der eigenen Kraft und Macht, das ständige Abwägen beim Boxen, das prägt den Charakter. Die Leute sagen zwar, vom Boxen wird man blöd, aber das ist Quatsch. Die Blöden waren schon vorher blöd. Leider gibt's davon viel zu viele, ja.

 

DE:

Sollen wir eine Verbindung herstellen zwischen dem Boxer, dem Maler und den Bildthemen?

 

JFE:

Falls es nötig wäre, kann man das vielleicht auf die Formel bringen: Ich will treffen, aber nicht verletzen. So geht’s mir beim Boxen und beim Malen. Boxen ist eine Lebenseinstellung. Und dass ich jetzt auch Bilder übers Boxen mache liegt daran, dass mich die vielen Fragen um den Boxmythos genauso beschäftigen, wie alle anderen Mythen auch. Boxen ist wie’s Leben selber – man boxt sich halt durch…

 

Jürgen Frankenhauser-Erlitz [-cartcount]